[19/09/14] Mobilität & Kommunikation auf dem Amazonas

Die letzten beiden Wochen habe ich zwischen Belem, Breves, Gurupá und Curralinhos auf dem Unterlauf des Amazonas verbracht. Hier rund um die Ilha do Marajó ticken die Uhren noch anders. Um Breves von Belem aus zu erreichen (225 km Luftlinie) waren wir 13 Stunden unterwegs. Das lag nicht an großen Umwegen sondern an der Durchschnittsgeschwindigkeit von ~20 km/h die das aus Stahl gebaute “Amazonas Ferry Boat” fährt. Die traditionellen Holzschiffe sind, je nach Fließrichtung der Gewässer sogar noch langsamer mit ca. 17 km/h. Die Fließrichtung des Flusses ändert sich übrigens ständig – je nachdem ob gerade die Flut den Wasserspiegel im Fluß anhebt oder absenkt fährt das Boot eben gegen den Strom oder mit der Strömung. Zwischen Breves und Gurupá sind wir dann mit einem Schnellboot gefahren das es bis auf 33 km/h bringt was schon ein enormer Zeitgewinn ist – allerdings muss das auch mit Komforteinbußen bezahlt werden – hier können die Fahrgäste nämlich nur auf normalen Sitzen Platz nehmen und sich keine gemütliche Hängematten aufspannen wir in den langsameren, mehrstöckigen großen Booten. Der Geschwindigkeitsrausch kam dann auf meinem letzten Fährstück zwischen Curralinhos und Belem. Diese Strecke legte ich mit 50 km/h in einem Catamaran mit Klimaanlage in 3 Stunden zurück – mein Gastgeber erklärte mir noch, dass diese Reise in seiner Kindheit drei Tage mit dem Segelschiff gedauert hat. Es ist also alles relativ.

Klassischer Amazonas “Dampfer” mit drei Stockwerken und dutzenden Hängematten und Bar auf der “Dachterrasse”.

Die Alltagsmobilität hat sich auch bedeutend gewandelt. Früher sind die Menschen hier mit kleinen Ruderkanus über Stunden in die Kirche oder zum Einkaufen gepaddelt. Heute werden diese Strecken mit sogenannten Rabetas erledigt – im Prinzip motorisierte Kanus die ziemlich laut sind – die Mofas der Flüsse sozusagen.

Eine Rabeta Flotte im Hafen von Curallinhos, Ilha do Marajó, im Hintergrund eine mobile Krankenstation des Sistema unico de Saude (SUS)

Insbesondere auf dem unteren Amazonas, auf dem auch noch die Schiffe zwischen Belem und Macapa verkehren gibt es einen regen Güterverkehr mit schwimmenden LKWs, Rinderställen, Containerstapeln, Flöße und vielem mehr. Meist schubst ein kleines hohen Boot eine Plattform vor sich her auf der alles mögliche montiert sein kann um die jeweiligen Güter möglichst einfach be- und entladen zu können. Die Feinverteilung in den Städten wird dann erstaunlich selten motorisiert gemacht. Hier kommen Lastenfahrräder, Motorräder und diese hölzernen Handkarren mit Autoreifen zum Einsatz. Wie schon erwähnt spielt Zeit hier keine große Rolle und die Entfernungen an Land sind recht gering. Ich war wirklich erstaunt wieviel Gewicht auf diese Handkarren geladen werden kann.

Die Logistik an Land…

Ein weiteres schwieriges Kapitel ist die Kommunikation. Schon nach 3-4 km außerhalb der größeren Städte bricht das Handynetz zusammen und damit die Kommunikation ab. Einige wenige Familien haben sich mit Internet über eine Satellitenschüssel versorgt (~200 R$ pro Monat für ein begrenztes Datenvolumen). Vielen fehlt es überhaupt an einer Stromversorgung über das öffentliche Netz. Die Standardlösung für das Problem besteht aus einem Generator, der Abends ca. 2-3 Liter Benzin in 4-5 h Strom verwandelt. In dieser Zeit wird Globo (TV) geschaut, der Acai gemixt, die Kühltruhe gekühlt und die Handys aufgeladen. Auch Solarsyteme mit Batteriene erfreuen sich immer größerer Beliebtheit aber viele schrecken vor den Investitionskosten zurück. Wenn man die Benzinkosten für den Generator hochrechnet hat sich eine Photovoltaik Anlage nach 5-6 Jahren amortisiert. Außerdem haben die Familien dann rund um die Uhr Strom und können ihre Kühltruhen ordentlich betreiben und damit ihre Waren besser kühlen.

Schwimmende Landstraße auf dem Amazonas.

Wenn ich dem Internet Provider von Curralinhos glauben schenken kann bringen leider die meisten Familien ihr Geld entweder in eine der evangelikalen Kirchen oder in die nächste Bar. Investitionen in eine Richtfunkantenne, über die im Prinzip auch der gesamte Internetverkehrs zwischen Belem – Curallinhos – Breves läuft, scheuen die meisten. Mit dieser Technologie können im Vergleich zur Satelliten-Technologie größere Bandbreiten zu günstigeren Konditionen erreicht werden. Es steht natürlich jedem frei seine Prioritäten selbst zu wählen aber wenn an Stelle der evangelikalen Kirchen die ich unterwegs gesehen habe eine solar betriebe Richtfunkantenne stehen würde wäre der Region sicherlich sehr viel mehr geholfen, als mit dem göttlichen Beistand bzw. dem Reichtum einiger weniger Kirchenoberhäupter.

[de] VIII Panamazonisches Sozialforum (FOSPA)

Diese Sendung haben wir gemeinsam mit Rádio A Nave direkt während dem VIII Panamazonischen Sozialforum (FOSPA), das Ende April in Tarapoto, Peru, stattfand, aufgenommen. Die Veranstaltung brachte Indigene, Quilimbolas, Flussanwohner*innen und andere traditionelle Gemeinschaften die am Amazonas zu Hause sind zusammen. Insgesamt fanden sich ca. 2000 Personen aus neun Ländern bei dem Treffen ein und diskutierten über alternative, neue Entwicklungsmodelle.

Neben den Diskussionen über die Auswirkungen der Globalisierung war dasForum auch ein treffpunkt der Kulturen der Amazonasregion. Die große Vielfalt an Sprachen und Farben illustrierte die Vielfalt dieser Region. Wir haben diese Chance genutzt einmal tief in diesen Schmelztiegel einzutauchen.

Wir sprachen mit Rafael Pindard, Mitglied des Movimento de Descolonização e Emancipação Social (MDES), das sich für die Unabhängigkeit von Französisch-Guiana einsetzt. Pindard berichtet von der ungewöhnlichen Situation in der sich die 300.000 Einwohner*innen des Landes befinden. Ein Land das auch im 21. Jahrhundert noch immer offiziell einen kleinen Fleck Europa auf dem Südamerikanischen Kontinent darstellt.

Unser zweiter Gast lebt in der Gemeinde Mazagão Velho,  mitten im Staat Amapá. Joseane Calazans ist Geschichtslehrerin und begleitet ein Projekt, dass die Geschichte der Gemeinde und der Region dokumentiert.

Taucht ein in dieses Universum des Amazonas!
Hört und teilt!

Gäste:

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