[19/08/19] Açaí

Wie viele von euch wissen wird meine Verbindung zu Brasilien insbesondere durch den von mir 2012 entdeckten Forró geprägt. Deshalb würde ich auch diesen Post gerne mit einem Forró Video beginnen den in dem Liedtext wird schon vieles angesprochen was in diesem Post folgen wird:

Trio dona Zefa – Vendedor de Açaí (J. Cavalcante / Assis Barros), Aufnahme von der DVD “Trio Dona Zefa 10 anos de Estrada”

Das Lied beginnt mit folgender Strophe:

Olha o gostoso açaí
e o saboroso tacacá
preciso vender tudinho
para os meus filhos educar

Übersetzung: Ich muss all meinen açaí und tacacá verkaufen um meinen Kindern eine Ausbildung zu ermöglichen!

In den letzten Wochen waren die Brände im Amazonasgebiet in den Schlagzeilen deutschsprachiger Medien. Immer wieder wurde darauf verwiesen, dass der Urwald abgeholzt wird um ihn wirtschaftlich zu nutzen. Hier wird immer wieder auf Viehweiden, Soja Anbau, Holzproduktion und in einem geringeren Anteil was die Fläche angeht den Bergbau verwiesen. Dabei entsteht der Eindruck, dass es schlecht ist wenn Menschen in der Amazonasregion leben und das zwangsläufig zu Rodung und Zerstörung führt. Das ist allerdings nicht immer der Fall. In den letzten beiden Wochen hatte ich die Gelegenheit am Unterlauf des Amazonas in der Region der Marajó-Insel die nachhaltige wirtschaftliche Nutzung der Ressourcen am Beispiel des Anbaus von Açaí zu erfahren.

Açaí Beeren bei der Ernte am Ast und im Korb, Rio Pagão

Die Beeren wachsen an einer Palme die in den Überschwemmungsgebieten der Amazonas Region liegen. Zumindest am Unterlauf des Flusses gibt es ein Flussdelta das sich über hunderte Kilometer erstreckt. Hier wird der Wasserpegel von den Gezeiten stark beeinflußt. Das heißt, dass die Flüsse alle sechs Stunden (ca.) die Fließrichtung wechseln – der Wasserstand variiert dabei zwischen 1 und 2 Metern in den Gemeinden in denen ich war. Das bedeutet das große Flächen jeden Tag überflutet werden. Hier wachsen nur sehr bestimmte Baumarten aber die Açaípalme fühlt sich mit ihren horizontal wachsenden Wurzel hier sehr wohl. Die Haupterntezeit ist das zweite Halbjahr aber auch in den anderen Monaten können Beeren geerntet werden – nur eben sehr viel weniger.

Die Extrativistas leben schon seit vielen Generationen in der Region und sind auf den Erhalt der Vegetation angewiesen, denn die Açaípalme wächst nicht in der prallen Sonne sondern muss durch höhere Nachbarbäume teilweise beschattet werden um sich optimal zu entwickeln. Organisiert sind die Extrativistas im Conselho Nacional das Populações Extrativistas (CNS). Es ist auch diese Organisation die nicht müde wird zu betonen, dass in vielen Fällen der Wald nur noch steht weil in der Region Menschen leben, die die Vegetation schützen, weil sie darauf angewiesen sind. In den letzten 20 Jahren wurden zahlreiche, wenn auch nicht ausreichend viele Reservas Extrativistas ausgewiesen in denen selbst entwickelte Regeln zur Landnutzung gelten. Diese Schutzgebiete sollen die Extrativistas vor den Holzfällern, Goldsuchern und fazendeiros schützen die den Wald bedrohen. Für Menschen die es nicht gelernt haben mit dem Wald zu leben sind die Bäume vor allem im Weg. Sie brauchen Platz für Viehweiden oder Ackerflächen, denn so haben sie Landwirtschaft gelernt – so können Sie dem Staat zeigen, dass sie das Land bewirtschaften – im scheinbaren Gegensatz zu den Extrativistas.
Aber auch die Extrativistas mußten lernen mit ihrer Umgebung im Einklang zu leben ohne sie auszubeuten. Bis vor wenigen Jahrzehnten haben auch sie Holz geschlagen und verkauft, Holzkohle produziert und Açaípalme abgeholzt um Palmherzen zu verkaufen.

Bei der Ernte klettern die Extrativistas die Palme hoch und schneiden den Ast mit den Beeren ab.

In Europa kennen vielleicht einige das Açaí-Eis, dass auch einige vielleicht aus ihrem Brasilien-Urlaub kennen. Hier am Amazonas wird der Açaí frisch gegessen ohne Zusatz von Zucker. Zu jedem Mittag- bzw. Abendessen wird eine Schüssel Açaí gereicht. Viele Gemeinden ernähren sich in großen Teilen von Açaí und Fisch oder Wild. Oftmals gibt es keine weiteren Beilagen. Der Hype um das “Superfood Açaí” schafft einen internationalen Markt der die Nachfrage ankurbelt und die Preise für die Açaíbeeren belebt. Eine Herausforderung für die Extrativistas-Gemeinden ist allerdings die Weiterverarbeitung bzw. Vermarktung. Die geernteten Açaíbeeren müssen max. 48 Stunden nach der Ernte verarbeitet werden und anschließend das gepreßte Fruchtfleisch eingefroren werden damit es nicht sauer wird. Die Logistik spielt dabei eine Schlüsselrolle weil in kurzer Zeit eine große Menge Açaí gesammelt und transportiert werden muss. In der Regel kommen die Açaíhändler mit größeren Booten an die Flußmündungen der Nebenflüsse und warten auf die Açaíproduzenten die ihnen ihre Produktion bringen. Auf dem Schiff werden bereits große Mengen Eis bereitgehalten um die Ernte sofort runter zu kühlen noch bevor es weiter zur Fabrik geht. Ein kapitalintensives Geschäft das die Extrativistas bisher nicht selbst durchführen können. Allerdings schließen sich die Açaí-Produzenten zur Kooperativen zusammen um einen besseren Preis für ihre Ernte zu verhandeln.
Allerdings macht auch der Klimawandel nicht vor den Açaípalmen halt. Die Termperaturen sind in den letzten Jahren stark angestiegen was die Produktionsmengen dramatisch reduziert hat. Manche sprechen von einem Einbruch der Produktion auf weniger als die Hälfte.

In einer Gemeinschaftskation (mutirão) werden Körbe für die Ernte geflochten.

Die verantwortungsvolle Nutzung der natürlichen Ressourcen innerhalb der Reservas Extrativistas sind ein viel besserer Schutz als auf dem Papier ausgwiesene Naturschutzgebiete die von den staatlichen Behörden kaum überwacht werden (können). Wenn der Wald von Menschen genutzt wird gibt es auch Menschen die sich für den Erhalt des Waldes einsetzen!

Um auf das Lied vom Anfang des Posts zurück zu kommen: Der Açaí macht es möglich das die Kindern der Extrativistas eine Ausbildung genießen können weil finanzielle Ressourcen zur Verfügung stehen und gleichzeitig der Wald geschützt wird. Dies ist natürlich nur möglich, wenn die aktuelle Brasilianische Regierung die Errungenschaften ihrer Vorgänger nicht völlig zunichte macht.

[19/09/14] Mobilität & Kommunikation auf dem Amazonas

Die letzten beiden Wochen habe ich zwischen Belem, Breves, Gurupá und Curralinhos auf dem Unterlauf des Amazonas verbracht. Hier rund um die Ilha do Marajó ticken die Uhren noch anders. Um Breves von Belem aus zu erreichen (225 km Luftlinie) waren wir 13 Stunden unterwegs. Das lag nicht an großen Umwegen sondern an der Durchschnittsgeschwindigkeit von ~20 km/h die das aus Stahl gebaute “Amazonas Ferry Boat” fährt. Die traditionellen Holzschiffe sind, je nach Fließrichtung der Gewässer sogar noch langsamer mit ca. 17 km/h. Die Fließrichtung des Flusses ändert sich übrigens ständig – je nachdem ob gerade die Flut den Wasserspiegel im Fluß anhebt oder absenkt fährt das Boot eben gegen den Strom oder mit der Strömung. Zwischen Breves und Gurupá sind wir dann mit einem Schnellboot gefahren das es bis auf 33 km/h bringt was schon ein enormer Zeitgewinn ist – allerdings muss das auch mit Komforteinbußen bezahlt werden – hier können die Fahrgäste nämlich nur auf normalen Sitzen Platz nehmen und sich keine gemütliche Hängematten aufspannen wir in den langsameren, mehrstöckigen großen Booten. Der Geschwindigkeitsrausch kam dann auf meinem letzten Fährstück zwischen Curralinhos und Belem. Diese Strecke legte ich mit 50 km/h in einem Catamaran mit Klimaanlage in 3 Stunden zurück – mein Gastgeber erklärte mir noch, dass diese Reise in seiner Kindheit drei Tage mit dem Segelschiff gedauert hat. Es ist also alles relativ.

Klassischer Amazonas “Dampfer” mit drei Stockwerken und dutzenden Hängematten und Bar auf der “Dachterrasse”.

Die Alltagsmobilität hat sich auch bedeutend gewandelt. Früher sind die Menschen hier mit kleinen Ruderkanus über Stunden in die Kirche oder zum Einkaufen gepaddelt. Heute werden diese Strecken mit sogenannten Rabetas erledigt – im Prinzip motorisierte Kanus die ziemlich laut sind – die Mofas der Flüsse sozusagen.

Eine Rabeta Flotte im Hafen von Curallinhos, Ilha do Marajó, im Hintergrund eine mobile Krankenstation des Sistema unico de Saude (SUS)

Insbesondere auf dem unteren Amazonas, auf dem auch noch die Schiffe zwischen Belem und Macapa verkehren gibt es einen regen Güterverkehr mit schwimmenden LKWs, Rinderställen, Containerstapeln, Flöße und vielem mehr. Meist schubst ein kleines hohen Boot eine Plattform vor sich her auf der alles mögliche montiert sein kann um die jeweiligen Güter möglichst einfach be- und entladen zu können. Die Feinverteilung in den Städten wird dann erstaunlich selten motorisiert gemacht. Hier kommen Lastenfahrräder, Motorräder und diese hölzernen Handkarren mit Autoreifen zum Einsatz. Wie schon erwähnt spielt Zeit hier keine große Rolle und die Entfernungen an Land sind recht gering. Ich war wirklich erstaunt wieviel Gewicht auf diese Handkarren geladen werden kann.

Die Logistik an Land…

Ein weiteres schwieriges Kapitel ist die Kommunikation. Schon nach 3-4 km außerhalb der größeren Städte bricht das Handynetz zusammen und damit die Kommunikation ab. Einige wenige Familien haben sich mit Internet über eine Satellitenschüssel versorgt (~200 R$ pro Monat für ein begrenztes Datenvolumen). Vielen fehlt es überhaupt an einer Stromversorgung über das öffentliche Netz. Die Standardlösung für das Problem besteht aus einem Generator, der Abends ca. 2-3 Liter Benzin in 4-5 h Strom verwandelt. In dieser Zeit wird Globo (TV) geschaut, der Acai gemixt, die Kühltruhe gekühlt und die Handys aufgeladen. Auch Solarsyteme mit Batteriene erfreuen sich immer größerer Beliebtheit aber viele schrecken vor den Investitionskosten zurück. Wenn man die Benzinkosten für den Generator hochrechnet hat sich eine Photovoltaik Anlage nach 5-6 Jahren amortisiert. Außerdem haben die Familien dann rund um die Uhr Strom und können ihre Kühltruhen ordentlich betreiben und damit ihre Waren besser kühlen.

Schwimmende Landstraße auf dem Amazonas.

Wenn ich dem Internet Provider von Curralinhos glauben schenken kann bringen leider die meisten Familien ihr Geld entweder in eine der evangelikalen Kirchen oder in die nächste Bar. Investitionen in eine Richtfunkantenne, über die im Prinzip auch der gesamte Internetverkehrs zwischen Belem – Curallinhos – Breves läuft, scheuen die meisten. Mit dieser Technologie können im Vergleich zur Satelliten-Technologie größere Bandbreiten zu günstigeren Konditionen erreicht werden. Es steht natürlich jedem frei seine Prioritäten selbst zu wählen aber wenn an Stelle der evangelikalen Kirchen die ich unterwegs gesehen habe eine solar betriebe Richtfunkantenne stehen würde wäre der Region sicherlich sehr viel mehr geholfen, als mit dem göttlichen Beistand bzw. dem Reichtum einiger weniger Kirchenoberhäupter.

[19/08/27] Brasilianischer Ballermann

Der Praia da Porto da Barra ist ein kleiner aber sehr beliebter Strand in Salvador. Auch an einem sonnige Wochentag im brasilianischen Winter ist der Strand gut gefüllt.
Sobald sich ein Gesicht über der Kaibrüstung zeigt geht das synchrone Geschreie der Stühle bzw. Schirmchenvermieter los. Insbesondere wenn ein scheinbar unschuldig-planloses Gesicht eines weißen Touristen in der Gruppe ist. Da alle ziemlich genau das gleiche anbieten scheinen sie überzeugt zu sein, dass derjenige den Kunden gewinnt der am lautesten schreit. Auf dem kurzen Weg hinunter zum Strand kommt man sich dementsprechend vor wie eine Kuh auf dem Weg zum Melkstandt. Dieses eher punktuelle Gebrülle der Schirmchenverleiher übertönt dann auch den eigentlichen Soundteppich der sich aus mitgebrachten Lautsprechern, angeregten Unterhaltungen und den Werberufen der Verkäufer*innen zusammensetzt. Im Hintergrund kann bei konzentriertem zuhören auch noch das rauschen des Meeres vernommen werden.

Hunderte Gäste verzehren hier am Strand Queijo coalho, Acarajé, Picolé, Castanhas und Unmengen Bier. Um so fortgeschrittener der Tag um so farbiger die Gesichter – ob von der Sonne oder vom Alkohol lässt sich nicht wirklich differenzieren.
Einige wenige stürzen sich tatsächlich ins Meer oder spielen ein bißchen Fußball am immer kleineren werdenden Strand (die Flut kommt).

Eine aufdringliche und offensichtlich betrunkene Dosensammlerin schüttet auf einem Tischchen um den ein paar Freunde sitzen die halbvollen Dosen in die Becher auf dem Tischchen und als ale Becher voll sind schüttet sie das Bier sich selbst in den Hals. Keiner der Biereigentümer scheint sich zu kümmern – ich glaube sie haben einfach keine Lust von ihr vollgelabert zu werden und lassen sie machen.

Eine Haschischfahne verfeinert den Salzgeruch des Meeres. Meine Begleitung kommt zurück aus dem Wasser und wir ziehen uns langsam und unauffällig zurück. Der Schirmchenvermieter, der auch gleichzeitig noch einen kleinen Getränkekiosk betreibt bringt uns eine völlig überteuerter Rechnung. Wir kennen aber die Preise schon und drücken ihm 2/3 des Endpreises in die Hand. Der Protest fällt nicht besonders ausführlich aus – beim Berlassen des Strands gibt er mir noch die Hand mit dem entschuldigenden Kommentar “desculpa qualquer coisa“.

Ich bin erstmal bedient. (Stadt-) Strände sind für mich für den weiteren Brasilien Aufenthalt gestorben…

Exkurs: Insta-Mania

Entweder werde ich Alt und verstehe die jungen Leute nicht oder es gibt an dieser Stelle einfach nichts zu verstehen. Wovon schreibe ich hier? DEM populärsten sozialen Netzwerk Brasiliens: Instagram
Ich habe jetzt keine Studien gelesen, die die Nutzung von Instagram mit Facebook oder WhatsApp vergleicht, aber es ist unbestreitbar, dass Instagram zumindest in Brasilien sehr im Trend liegt. Restaurants geben keine Websiten mehr auf ihren Karten an, sondern Insta-Profile. Als ich 2012 hier in Brasilien war, musste ich mir einen Facebook Account zulegen, weil kaum jemand mehr E-Mail verwendete. Heute werde ich für diesen Account belächelt als würde ich eine Fax-Nummer zur Kontaktaufnahme da lassen.
Einen Whats-App Account habe ich mir für diese Reise mal zugelegt, weil es ohne wirklich nicht geht hier – bzw. gleich sehr teuer wird. Die meisten Telefonnummern von Reiseagenturen, Hotels oder ähnlichem haben das WhatsApp-Symbol neben ihrer Nummer. Auch die uber App habe ich mir für die Mobilität in der Großstadt installiert. Aber für Instagram kann ich mich noch immer nicht begeistern.

Trotz der berechtigten Kritik an Facebook (Cambridge Analytica, Datenschutz, etc.) kann ich als Nutzer durchaus einen Nutzen für die Gesellschaft sehen wenn kleine Veranstaltungen beworben werden können, sich Interessensgruppen vernetzen oder man dadurch den Kontakt zur Grundschulklasse wieder herstellen kann. Aber was zum Geier ist der Nutzen von Instagram?

Finde die Instagramer … Kein Strand ohne “Fotoshooting”

Auf meiner bisherigen Reise sehe ich vor allem junge Frauen die sich in absurde Positionen verrenken und Grimassen schneiden um das tausendste Bild von sich selbst am Strand, vor dem Wasserfall oder im Restaurant zu knipsen. Die Posen und die Gesichtsausdrücke sind dermaßen unnatürlich, dass es für mich als außenstehenden Beobachter ziemlich lächerlich aussieht. Die Fotos dokumentieren auch nicht die Situation, weil sie immer aufgesetzt werden. Ein junges Mädchen sitzt gelangweilt vor ihrem Cocktail am Konzert, aber sobald das Smartphone gezückt wird, zeigt sie die Zahnspange ihren Followern und grinst über beide Ohren. Direkt danach: Smartphone aus – Fresse ziehen.
Für mich macht es auch nicht den Eindruck, dass sie eine schöne Erinnerung für sich selbst dokumentieren. Sie machen Fotos, um andere neidisch zu machen. Sie wollen allen zeigen wie viel Spaß sie gerade haben – vermutlich weil sie in ihrem Feed (heißt das so auf Insta?) gerade ihre Freundinnen bei irgendwas super coolem gesehen haben.

Wie gesagt, vielleicht bin ich auch nur der old grumpy man, der die trendingen Netzwerke einfach nicht versteht …

[19/08/21] Itacaré

In den letzten Tagen haben wir uns mal ganz entspannt auf Urlaub konzentriert und die wunderschönen Strände beim Morro de Sao Paulo und der Insel Boipeba erkundet. In beiden Fällen habe ich ein paar Informationen auf dem partizipativen Reiseführer Wikivoyage und OpenStreetMap ergänzt (vor allem im englischsprachigen Teil von Wikivoyage weil es auf Deutsch noch gar keine Artikel zu den Orten gibt).

Ilha de Boipeba bzw. der Praia Moreré

Mittlerweile sind wir in Itacaré angekommen und wollen hier neben den Stränden auch ein paar Wasserfälle entdecken. Also nichts wirklich neues von hier aber ich wollte mich mal melden ..

[19/08/13] Salvador da Bahia

An unserem letzten Tag in Juazeiro wurden uns die Auswüchse der Agrarindustrie gezeigt und wir besuchten eine weitere Gemeinde die nach dem Fundo e fecho de Pasto arbeitet. Außerdem konnte ich noch gemeinsam mit Harald und Maria einen +1C@fé Podcast aufnehmen den ihr nicht verpassen solltet.

Stausee einer Fundo e fecho de Pasto Gemeinde

Von Donnerstag auf Freitag fuhren wir dann mit dem Nachtbus nach Salvador da Bahia. Eine Stadt die ich schon bei meinem ersten Brasilien Aufenthalt 2012 für ein paar Tage besucht hatte. Ich muss allerdings sagen, dass sich seitdem viel verändert hat. Der Strandboulevard wird an Wochenenden für Autos teilweise geschlossen und es lassen sich zahlreiche Sportler, teilweise sogar auf Fahrrädern blicken. Auch die historische Altstadt wurde in den letzten sieben Jahren deutlich aufgehübscht. In Salvador kamen wir auch zu unseren ersten beiden ernsthaften Forró Abenden mit Live Musik und Tänzer*innen.

Salvador da Bahia von der Fähre in Richtung Morro de Sao Paulo fotografiert

Außerdem besuchten wir am Montag das CESE-Büro. Das ökumenische Menschrechtszentrum CESE wurde in den düstersten Zeiten der Militärdiktatur gegründet und wird durch internationale zu größten Teilen kirchlich orientierten Organisationen finanziert. Die gesammelten Mittel verteilt die Organisation dann an Projektträger im ganzen Land mit einem Schwerpunkt auf der Region des Nordostens. Natürlich spürt auch die CESE den Haßdiskurs durch den neuen Präsidenten Bolsonaro für den alle Menschenrechtsverteidiger*innen nur verabscheuungswürdige (Kultur-)Kommunisten sind die aus dem Ausland finanziert werden um den Fortschritt in Brasilien zu behindern. Mit dieser Berufung auf ein politisches Schlagwort der US-amerikanischen neuen Rechten stellt sich Bolsonaro in eine Reihe mit Trump, Orban und Salvini. Es ist natürlich völlig absurd, dass jemand neben seiner dritten Ehefrau steht und den Schwulen in Brasilien vorwirft die traditionelle Familie zu zerstören aber wen kümmern heute noch Fakten?

Am heutigen Dienstag haben wir uns dann aufgemacht in das kleine Urlaubsparadies Morro de Sao Paulo. Hier fahren zumindest im Dorfbereich der Anlegestelle keine Autos. Das Gepäck der Ankommenden wird von fleißigen Träger*innen in Schubkarren zu dem gewünschten Hostel gefahren. Hier machen wir jetzt ein paar Tage wirklichen Strandurlaub.

Ankunft am Morro de Sao Paulo

[de] Wüste oder Lebensraum? Der semiaride Nordosten

Der Sertão erstreckt sich über die Bundesstaaten Alagoas, Bahia, Ceará, Paraíba, Pernambuco, Piauí, Rio Grande do Norte und Sergipe, bis in den Norden von Minas Gerais auf einer Fläche die etwa so groß ist wie Frankreich, Deutschland und England zusammen. Die Region wird oftmals als Armenhaus der Nation bezeichnet weil die periodisch auftretenden Trockenperioden in der Vergangenheit zahlreichen Menschen das Leben kosteten und zu einer großen internen Migration in Richtung der Großstädte führte.

Das regionale Institut für angepaßte Kleinbauernlandwirtschaft und Tierhaltung (IRPAA) versucht dieses Bild der Region zu verändern indem es erfolgreiche Beispiele einer eine neuen klimagerechten Wirtschafts- und Lebensform dokumentiert und weiter verbreitet.

Haroldo und Maria arbeiten schon seit Jahrzehnten beim IRPAA und geben uns einen ersten Einblick in die Region.

avatar Haraldo
avatar Maria Oberhofer
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[19/08/07] Semiarido Brasileiro

Seit unserer Ankunft am Sonntag sind wir praktisch entweder unterwegs oder wir schlafen. Die Distanzen hier in Bahia sind für deutsche Verhältnisse riesig aber das IRPAA hat unsere Tage hier perfekt geplant. Auf den längeren Fahrten zu unseren Reisezielen unterhalten wir uns mit den Mitarbeiter des IRPAA die uns in einem Jeep chauffieren über die politische Situation in Brasilien, über die die regionalen Besonderheiten und auch über das eine oder andere persönliche Detail.

Am Montag ging es für uns in Richtung Westen nach Sobradinho. Eine recht kleine Gemeinde deren Geschichte sehr stark durch den gleichnamigen Staudamm geprägt ist. Eigentlich wollten wir den Staudamm Vormittags besuchen und dann am Nachmittag in der „Escola Familia Agricola de Sobradinho” (EFAS) vorbeischauen. Allerdings war der Präsident Brasiliens am Vormittag am Staudamm um eine Solaranlage einzuweihen die schon vor seiner Amtszeit fertiggestellt wurde. Zu unserem Glück interessieren ihn nachhaltige Projekte nicht wirklich – er hat nur schnell ein Foto gemacht und ist weitergezogen. Dieser Staudamm der das Wasser über 320 km aufstaut ist für die Region sehr sehr wichtig. Ursprünglich gebaut um die Wasserversorgung der weiter unten liegenden Wasserkraftwerke sicher zu stellen dient der See heute selbst als Stromlieferant und Wasserversorgung für die ganze Region. Allerdings wurden hunderte Gemeinden, die ursprünglich am Flußufer des Rio São Francisco lebten, vertrieben und müssen nun auf unfruchtbaren Böden, meist ohne Wasserversorgung und ohne Strom ihr Auskommen erwirtschaften. Das Wasser wird fast ausschließlich an die großen Agroindustriebetriebe in der Region verteilt. Durch die intensive Landwirtschaft dieser Großbetriebe versalzen die Böden und die traditionelle Form der Landwirtschaft und Viehzucht – Fundo e fecho de Pasto – wird durch das einzäunen riesiger Flächen unmöglich gemacht.

Der Stausee Sobradinho …

Diese traditionelle Lebensweise wird in der „Escola Familia Agricola de Sobradinho” (EFAS) gelehrt. Dort lernen 200 Jugendliche im 14-tägig wechselnden Turnus die “Convivência com o Semiárido” im Rahmen der Pedagogia da Alternância. Die Kinder reisen teilweise mehrere hundert Kilometer um in die Schule zu kommen und haben dort von früh morgens bis 21 Uhr Unterricht. Sie lernen aber nicht nur die regulären Lerninhalte sondern bekommen auch eine Ausbildung im landwirtschaftlichen Bereich der dem dörflichen Kontext entspricht aus dem sie kommen. In der Schule werden Techniken unterrichtet die eine, an die klimatischen Bedingungen angepaßte Lebensweise ermöglichen.

Die riesigen Bewässerungsprojekte der Technikraten versprachen das grüne Paradies inmitten der halbtrockenen Region im Nordosten Brasiliens. Der Anspruch der Regierungsprogramme war es die Trockenheit zu bekämpfen. Die klimatischen Bedingungen aber lassen sich nicht bekämpfen. Selbst der mächtige Rio São Francisco kann nicht genügend Wasser für alle, überall und jederzeit bereitstellen. Das Wasser, das über riesige Pumpstationen über mehr als 40 km verteilt wird, steht nur wenigen zur Verfügung und natürlich auch nur denjenigen die dafür bezahlen können. Ein weiteres Beispiel für den Spruch von Bischof José Rodrigues: “Im Nordosten mangelt es nicht an Wasser – woran es mangelt ist Gerechtigkeit!”

Kontextualisierte Bildung im Rahmen der “Pedagogia da Alternância”.

Einer der für die Gerechtigkeit und gegen den Coronelismus und die Sklaverei predigte war Antônio Conselheiro. Geboren im Bundesstaat Ceará predigte er in großen Teilen des Nordostens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegen die zentrale Steuererhebung und die Unterdrückung durch die lokalen Eliten. Obwohl die Sklaverei 1888 offiziell von Prinzessin Isabel abgeschafft wurde hatten viele ehemalige Sklaven keine Alternative und arbeiteten weiterhin für Unterkunft und Brot auf den Plantagen der Großgrundbesitzer. Der Freiheit predigende Conselheiro war deshalb ein Dorn im Auge der Eliten weil ihnen die Arbeitskräfte davonliefen. Er und seine Anhänger*innen wurde deshalb mit tausenden Soldaten bekämpft, die in vier Militärexpeditionen dem libertären Gesellschaftsexperiment im Krieg um Canudos ein brutales Ende setzten. Als die Siedlung 1896 von der vierten Militärexpedition umzingelt und vernichtet wurde war sie mit ca. 15 000 – 20 000 Einwohner*innen die zweitgrößte Stadt des Bundesstaates Bahia. Seit 1986 gibt es in der Nähe des historischen Canudos einen Nationalpark der an die Geschichte des Ortes erinnert. Dort wo sich vor mehr als 100 Jahren die Anhänger*innen von Antonio Conselheiro niederließen ist mittlerweile ein Stausee, der die Überreste des “zweiten Canudos” bedeckt. Das “erste Canudos” wurde von der 4. Militärexpedition dem Erdboden gleichgemacht. Einige wenige Überlebenden bauten die Siedlung wieder auf, wurden dann aber durch das angestaute Wasser vertrieben. Das heutige Canudos befindet sich einige Kilometer entfernt – direkt an der Staumauer.

Mein Versuch die 4. Militärexpedion abzuwehren!

[19/08/04] Juazeiro

Nach einer Nacht im tiefgekühlten Reisebus (wir hatten vorsorglich unsere Schlafsäcke dabei) kamen wir um 06:30 Uhr in Petrolina an. Unser Gastgeber Haraldo erwartete uns bereits. Kurz ins Hotel, Gepäck ablegen, Frühstücken und los ging es zum Schulungszentrum “Centro de Formação Dom José Rodrigues“.

Dort erwarteten uns bereits vier weitere Mitarbeiter von IRPAA die uns ihre Arbeitsbereiche, Landwirtschaft und Tierhaltung, Anpassung an den Klimawandel und Wassermanagement, Landrechte sowie Bildung & Kommunikation vorstellten. Das allumspannende Thema für IRPAA ist die “Convivência com o Semiárido”.

Der Semiarido ist eine klimatisch definierte Region im Nordosten Brasiliens die sich über eine Fläche erstreckt die ungefähr so groß ist wie Deutschland, Frankreich und England gemeinsam.

In Brasilien gibt es sehr viele Vorurteile gegenüber dieser Region die ie Aktivist*innen und MItarbeiter von IRPAA bekämpfen. Sowohl in den Medien als auch in Liedern und Büchern wird der Sertão immer als eine Region beschrieben die von der Trockenheit heimgesucht wird und in der das Leben kaum Möglich ist. Die Hymne des Forró (Asa Branca) besingt eben diese Trockenheit die die Leute zwingt das Land zu verlassen und die Sehnsucht, die die Migrant*innen im fernen São Paulo spüren. Sie warten nur auf den Regen um endlich in ihren Sertão zurückkehren zu können. Ein immer wiederkehrendes Thema in zahlreichen Forró Liedern vor allem aus den 1950ern und 1960er Jahren Wie der Gründer des Instituts Bischof José Rodrigues aber immer wieder betonte mangelt es in dieser Region nicht an Wasser – woran es mangelt ist Gerechtigkeit!

In der Caatinga treten in periodischen Zeiträumen lange und intensive Dürreperioden auf (etwa alle 26 Jahre). In der Zeit von 1979 – 1983 starben dabei bis zu 1 Million Menschen aufgrund der durch Wassermangel und verschmutztes Wasser hervorgerufenen Krankheiten.

Website IRPAA

In der letzten Trockenperiode die 2016 endete starb hingegen kaum jemand. Mit eine Konsequenz aus der Arbeit von IRPAA und anderen Organisationen die sich im Netzwerk Articulação Semiárido Brasileiro (ASA) zusammengeschlossen haben und gemeinsam eine angepaßte Lebensweise in dieser Region fördern.

Die Besiedlung und Eroberung des Sertão durch die Kolonialmacht Portugal zeichnete sich durch den Versuch aus die Rinderhaltung und intensive Landwirtschaft einzuführen. Die unzureichenden bzw. unregelmäßig auftretenden Niederschläge erschweren allerdings eine Landwirtschaft mit einjährigen Pflanzen weil der Niederschlag oftmals nicht dann kommt wenn gesäht wurde oder nicht stark genug ist um die Kulturen wirklich abreifen zu lassen. Auch die Rinder haben einen enorm hohen Wasserbedarf und kompaktieren mit ihrem großen Gewicht die Erde. Die Kolonialherren versuchten mit riesigen Bewässerungsprojekten die Dürre zu bekämpfen – ein hoffnungsloser Ansatz wenn die Ernährung der Bevölkerung und nicht die Produktion von einigen wenigen “Cash-Crops” das Ziel der Bemühungen ist.

Bei der an das Klima angepaßten Lebensweise werden Ziege und Schafe gehalten, die die natürlich vorkommenden Pflanzen in der Catinga viel besser nutzen können und durch ihr geringes Gewicht den Boden und die Vegetation schonen. Rund um das Haus gibt es einen kleinen Gemüse- und Obstgärten, die ausreichend Vitamine für den Familienbedarf produzieren. Außerdem werden wilde Früchte, Pflanzen und Samen gesammelt. Um die ausgedehnten Trockenperioden zu überstehen wurden in den vergangenen Jahrzehnten mehr als 1 Million Zisternen in der Region errichtet. Mit entsprechenden Wasserfiltern aus Sand und Pflanzenkohle wird hier das Regenwasser zu Trinkwasser. Bei entsprechender Kapazität und vor allem einem überlegten Wassereinsatz reichen diese Zisternen aus um die Trockenperiode zu überstehen. Eine große Herausforderung ist noch die Nutzung der Abwässer zum Bewässern der Obst und Gemüsegärten vor Ort. Hier werden verschiedene Systeme erprobt um so wenig kostbares Wasser wie möglich zu verschwenden.

Nach einem langen Tag genossen wir Abends noch den Sonnenuntergang mit einer Kokosnuß und einem Caipirinha am sagenumwobenen Rio São Francisco um den Tag ausklingen zu lassen.

[19/08/03] Olinda / Recife

Nach unserem ersten Besuch bei der Grupo Ruas e Pracas haben wir für den nächsten Tag mit Jugendlichen Teilnehmer*innen getroffen um ihre Eindrücke des Projekts einzufangen. Wir haben für euch ein Gedicht aufgenommen das Poli, eine der Jugendlichen, vorträgt:

Gedicht zum 33. Geburtstag der Grupo Ruas e Praças

Neben den Arbeitstreffen gab es aber durchaus noch Zeit Recife und Olinda etwas zu erkunden. Wir konnten das Luiz Gonzaga Museum am Cais do Sertao besuchen und haben dort Damaris kennengelernt. Sie arbeitet in dem Museum – studiert aber eigentlich Akkordeon und ist ab September für ein Jahr in Portugal. Wir haben gleich mal Kontakte ausgetauscht, denn im Dezember findet ja wieder das Forrózin Freiburg Festival statt. Vielleicht kommt sie auch mit ihrem Akkordeon vorbei und spielt ein wenig für uns. Abends fand dann ein Konzert mit vier Forró Bands anlässlich des 30sten Todestags Luiz Gonzaga statt, bei dem als letztes auch das Quinteto Violado auftrat. Das Quinteto Violado spielte damals mit eben dem geehrten Luiz Gonzaga und Dominguinhos. Am Ende des Konzerts hatte dann Damaris einen kleinen Gastauftritt.

Nachmittags in Olinda wurden wir von einem einbeinigen Fremdenführer in die Geschichte der Stadt eingeweiht. Prinzipiell schien er recht kompetent aber bei einigen Zahlen und Stories wurde ich schon stutzig. Angeblich hat er sein Bein bei einem Haiangriff während des Surfens verloren. In der Casbah, einer lokalen Forró Kneipe, sollen seiner Schilderung nach hunderte Leute reinpassen. Wir konnten die Bar leider nicht besuchen, weil wir zu früh dran waren aber von außen beurteilt kann ich mir das Fassungsvermögen kaum vorstellen. Seis drum – viele Geschichten die er uns erzählte klangen spannend – ob sie nun alle korrekt waren oder nicht.

Dann noch ein paar Worte zur Mobilität in Olinda / Recife. Die autogerechte Stadt dominiert auch hier offensichtlich die Planungsbüros der Stadtverwaltung. Sechsspurige Einbahnstraßen mit nur wenigen Bettler-Ampeln zum queren für Fußgänger sprechen eine eindeutige Sprache. Allerdings gibt es auch Licht am Ende des Tunnels. Seit einigen Jahren werden Fahrradwege angelegt und das gut gewartete Fahrradleihsystems der Banco Itau bringt viele (vor allem junge) Menschen aufs Rad. Eine schweizer Freundin von uns radelt tatsächlich täglich ihre 25 Minuten von Olinda nach Recife und das praktisch nur auf Fahrradwegen.

Für uns spielt das Fahrrad allerdings kaum eine Rolle. Dank GoogleMaps schaffen wir es den einen oder anderen Bus zu nehmen. Aber meistens bewegen wir uns aus Bequemlichkeit einfach per Uber. Ob zu Terminen in der Stadt, zum Busterminal oder zurück ins Hotel. Scheinbar ist immer ein uber-Fahrer oder eine uber-Fahrerin um die Ecke die nur darauf wartet uns abzuholen. Zum Terminal heute sind wir mit einem Vertreter der Pharmaindustrie gefahren der am Wochenende als Therapie ein paar Stunden uber fährt. Er komme durch das uber fahren mit vielen Menschen in Kontakt was ihm bei der Überwindung seiner Depression hilft. Er ist davon sehr überzeugt und wir freuen uns, dass unsere Fahrt zum Terminal auch gleich noch gegen seine Depression hilft.

Jetzt sitzen wir gerade im Nachtbus nach Juazeiro / Petrolina wo ein straffes Programm von unseren Gastgebern vorbereitet wurde. Wir werden die Projekte von IRPAA besuchen und hoffentlich auch einen +1C@fé Podcast aufnehmen.