[19/09/27] Die Brasilien

Zum Abschluß meiner Brasilien Reise bin ich in den Norden von Minas Gerais zum VI. Internationalen Kolloquium für Traditionelle Völker und Gemeinschaften in Montes Claros gefahren. Nach dem Runden Tisch Brasilien 2015 und auch ein bißchen dank meines Ethnologie Studiums war das Thema nichts wirklich neues für mich. Wir haben für den Tagungsreader damals zahlreiche Artikel zu den verschiedenen Völkern und Gemeinschaften und auch ein Glossar mit einer Kurzbeschreibung aller anerkannten Gruppen veröffentlicht. Außerdem haben wir damals angefangen einen Wikipedia Artikel zu dem Thema aufzusetzen und unsere Unterstützer*innen eingeladen mit uns gemeinsam diesen Artikel auszubauen. Nach meinem Aufenthalt am Unterlauf des Amazonas und dem Besuch der Sertões im August fühlte ich mich auch gut informiert über die aktuellen Entwicklungen zumindest bei einigen auf der Veranstaltung repräsentierten Gruppen.

Trotzdem fällt es mir gerade schwer ein eindeutiges Urteil über die Veranstaltung zu fällen. Was ich sicher sagen kann ist, dass es mir recht schwer viel vor allem die Beiträge der Akteure zu verstehen. Das mag zum Einen an einigen für mich unbekannten Wörtern liegen, die in der jeweiligen Gemeinschaft bzw. dem lokalen Kontext völlig normal sind aber auch für Brasilianer*innen aus dem urbanen Raum unverständlich sind. Beispiele sind hier die Namen von Früchten und Bäumen die in der jeweiligen Region wichtig sind und teilweise Indigene Namen haben die sich auch noch von Region zu Region unterscheiden. Sicherlich lag es zum Anderen aber auch an der Art und Weise wie die Beiträge vorgetragen wurden. Die Beiträge der jeweiligen Repräsentanten waren oftmals als eine Art Geschichte aufgebaut die sich in verschiedenen Nebenerzählungen aufteilte und mit Witzen und Anekdoten geschmückt wurden. Es war mir oftmals unmöglich die eigentliche Message hinter der Geschichte zu verstehen vor allem wenn mir der Kontext unbekannt war. Wahrscheinlich auch wegen diesen Verständnisschwierigkeiten blieben bei mir von vielen Beiträgen unter Strich übrig: “Unsere Lebensweise ist bedroht weil große Konzerne oder Großgrundbesitzer uns unsere Ressourcen streitig machen die wir zum Leben brauchen.” Die Rolle des Staats reicht von Passivität (Verweigerung des Schutzes der Bürger) bis hin zu offen feindseligen Aktionen (Räumungen durch die Militärpolizei). Das ist natürlich schwierig drei Tage lang zu ertragen.

Solar dos Sertões am Praça Doutor Chaves, Montes Claros, MG

Spannender war für mich von daher auch ein kulinarischer Workshop in dem wir lokale Spezialitäten (z.B. Baru) zubereitet haben. Dieser Workshop fand in der Küche des Solar dos Sertões. Dieses denkmalgeschützte Haus hat die Cooperativa Grande Sertão vor einigen Jahren erwerben können und wird seitdem restauriert. Das Ziel ist es hier im Herzen von Montes Claros ein regionales Restaurant mit den Produkten der Kooperative anzubieten. Im hinteren Teil des Gebäudes gibt es außerdem Büros und Versammlungsräume. Vor dem Haus gibt es einen kleinen Platz der perfekt geeignet wäre um einen kleinen Markt abzuhalten. Noch in diesem Jahr sollen alle Vorgaben der Feuerwehr umgesetzt und der Solar dos Sertões offiziell eröffnet werden. Die Cooperativa Grande Sertão hat mehr als 50 Mitglieder und arbeitet indirekt mit ca. 2000 Familien in 350 Gemeinden im Norden von Minas Gerais zusammen. Das Hauptgeschäft der Kooperative ist die Weiterverarbeitung von Früchten zu Konzentrat und dessen Verkauf. Verkauft wird das Konzentrat zu ~80 % an öffentliche Einrichtungen wie Schulen oder Krankenhäuser. Der größte Teil der Verarbeitung findet in einer Fabrik der Kooperative im Industriegebiet von Montes Claros statt. Einen Teil der Produktion ist aber auch ausgelagert in der AEFA – Área de Formação e Experimentação em Agroecologia, einem ca. 60 Hektar großen Stück Land das in den 1990er Jahren gekauft werden konnte. Neben der Weiterverarbeitung der Früchte findet dort aber hauptsächlich Bildungsarbeit und agrarökologische Landwirtschaft statt. Außerdem gibt es auf dem Gelände eine Samenbank in der Saatgut gelagert und auf gentechnische Verunreinigung getestet wird.

Saatgut im AEFA – Área de Formação e Experimentação em Agroecologia

Es macht mich richtig wütend wenn ich hier sehe was die großen gentechnik Firmen hier für Probleme machen. Wenn eine Saatgut-Probe positiv ausfällt und es kein weiteres gutes unkontaminiertes Saatgut mehr von dieser Sorte gibt wird das Saatgut über fünf Jahre hin immer wieder angebaut um dann aus 1000 Proben herauszufinden ob sich in einigen Pflanzen die Gentechnik wieder verloren hat. Alleine die Tests die dafür notwendig sind kosten über 10 000 € – von den fünf Jahren Arbeitskosten ganz zu schweigen. Warum das alles? Weil Bayer, Monsanto und Co. eine unsichere Technologie auf den Markt brachte die nun das Saatgut der Bauern und Bäuerinnen überall auf der Welt bedrohen!

Vielleicht lassen sich die vier Tage in Montes Claros mit dem Projekt von João Pacheco de Oliveira zusammenfassen der den Input für Abschlußversammlung einbrachte. Er wies darauf hin, das unser Verständnis sowohl von der Geschichte als auch von der Gegenwart sehr stark von einer weißen, europäisch-kolonialen, meist auch patriarchalen Brille geprägt ist. Wenn wir Bücher lesen, Filme schauen oder uns in Museen herumtreiben sind fast all diese Medien aus einer bestimmten Perspektive heraus entstanden. Mit dem Projekt Os Brasis e suas memórias: os indígenas na formação nacional will er mit seinen Mitstreiter*innen dieses andere, dieses indigene Brasilien anhand von Biografien sichtbar machen. Ich hoffe, dass das Projekt auch für Traditionelle Völker und Gemeinschaften geöffnet wird weil auch deren Geschichte fast nirgends auftaucht im “modernen” Brasilien. Also als Konklusion würde ich sagen: Es gibt nicht ein Brasilien sondern sehr viele Brasilien!

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