[19/09/23] Von Grund auf geplant

Die Hauptstadt Brasilia ist für einen städteplanerisch interessierten Menschen wie mich sehr spannend. Die Stadt wurde ab dem Jahr 1956 in rund fünf Jahren aus dem Boden gestampft. In der Nähe der geographischen Mitte sollte eine neue Hauptstadt entstehen die den Strukturausbau im Inland fördern und politisch neutraler gelegen sein sollte. So wurde es bereits Ende des 19. Jahrhunderts in der Verfassung festgeschrieben.

Die Planer hatten also völlig freie Hand. Dem Zeitgeist entsprechend bauten sie riesige Straßen mit vier, fünf oder sechs Spuren pro Richtung die den erwarteten Autoverkehr aufnehmen sollten. Der ursprüngliche Plan erinnert an ein Flugzeug. Dort wo die beiden Flügel mit dem Rumpf zusammenbrechen befindet sich der Busbahnhof und die Endstation der aus dem Süden kommenden Metrolinie. Im südlichen Flügel ist größtenteils Wohnbebauung vorgesehen. Rund um den Busbahnhof sind die Hotels angesiedelt. In Richtung Cockpit befinden sich links und rechts die Gebäude mit den Ministerien und das Cockpit bildet der Senat und das Parlament mit seinen beiden Verwaltungstürmen. In unmittelbarer Umgebung befindet sich das Haus des Präsidenten, das Justiz- und Außenministerium sowie der oberste Gerichtshof. Alles in Sichtweite des Parlaments- bzw. des Senats.

Der Senat und das Parlament

Die rund 3 Millionen Einwohner*innen schimpfen über den öffentlichen Nahverkehr. Die Busse haben keinen Fahrplan mit festgelegten Abfahrtszeiten sondern kommen halt irgendwann. Die Metro schließt zwar zwei mittlerweile angedockte Städte ans Zentrum an aber im Nordflügel wurden die Metro-Pläne nie umgesetzt. Die Stadt wurde in der Annahme gebaut, dass alle Einwohner*innen über einen PKW verfügen würden. Das führt in unserer heutigen Zeit dazu, dass sich 45.000 uber-Fahrer auf Brasilias Straßen tummeln. Das System uber führt zwar einerseits dazu, dass so mancher sein Auto verkauft und nur noch uber fährt. Andererseits führt es aber auch dazu, dass sich tausende ein Auto kaufen um uber Fahrer zu werden. Unterm Strich bewegen sich die Bewohner*innen der Stadt aber sicherlich weniger. Die Motivation sich mit dem desorganisierten und auch nicht unbedingt günstigen ÖPNV rum zuschlagen geht gegen null. Es ist einfach zu verlockend auf dem Hand mal schnell ein uber zu rufen – es ist einfach so verdammt praktisch (wenn man es sich leisten kann).

An Fahrradfahren als ernsthafte Alternative ist übrigens wirklich nicht zu denken. Die Infrastruktur ist absolut Fahrradfeindlich und Brasilia ist auch nicht wirklich flach. Die Distanzen sind riesig und zumindest im September ist es tagsüber auch noch verdammt heiß und staubtrocken.

Die Planer hatten es hier in der Hand etwas komplett neues zu schaffen. Sie sind aber völlig ihrem Zeitgeist erlegen und haben aus meiner Sicht ein Monster an Stadt erschaffen.

Es war trotzdem sehr spannend sich das anzusehen…

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