[19/08/19] Açaí

Wie viele von euch wissen wird meine Verbindung zu Brasilien insbesondere durch den von mir 2012 entdeckten Forró geprägt. Deshalb würde ich auch diesen Post gerne mit einem Forró Video beginnen den in dem Liedtext wird schon vieles angesprochen was in diesem Post folgen wird:

Trio dona Zefa – Vendedor de Açaí (J. Cavalcante / Assis Barros), Aufnahme von der DVD “Trio Dona Zefa 10 anos de Estrada”

Das Lied beginnt mit folgender Strophe:

Olha o gostoso açaí
e o saboroso tacacá
preciso vender tudinho
para os meus filhos educar

Übersetzung: Ich muss all meinen açaí und tacacá verkaufen um meinen Kindern eine Ausbildung zu ermöglichen!

In den letzten Wochen waren die Brände im Amazonasgebiet in den Schlagzeilen deutschsprachiger Medien. Immer wieder wurde darauf verwiesen, dass der Urwald abgeholzt wird um ihn wirtschaftlich zu nutzen. Hier wird immer wieder auf Viehweiden, Soja Anbau, Holzproduktion und in einem geringeren Anteil was die Fläche angeht den Bergbau verwiesen. Dabei entsteht der Eindruck, dass es schlecht ist wenn Menschen in der Amazonasregion leben und das zwangsläufig zu Rodung und Zerstörung führt. Das ist allerdings nicht immer der Fall. In den letzten beiden Wochen hatte ich die Gelegenheit am Unterlauf des Amazonas in der Region der Marajó-Insel die nachhaltige wirtschaftliche Nutzung der Ressourcen am Beispiel des Anbaus von Açaí zu erfahren.

Açaí Beeren bei der Ernte am Ast und im Korb, Rio Pagão

Die Beeren wachsen an einer Palme die in den Überschwemmungsgebieten der Amazonas Region liegen. Zumindest am Unterlauf des Flusses gibt es ein Flussdelta das sich über hunderte Kilometer erstreckt. Hier wird der Wasserpegel von den Gezeiten stark beeinflußt. Das heißt, dass die Flüsse alle sechs Stunden (ca.) die Fließrichtung wechseln – der Wasserstand variiert dabei zwischen 1 und 2 Metern in den Gemeinden in denen ich war. Das bedeutet das große Flächen jeden Tag überflutet werden. Hier wachsen nur sehr bestimmte Baumarten aber die Açaípalme fühlt sich mit ihren horizontal wachsenden Wurzel hier sehr wohl. Die Haupterntezeit ist das zweite Halbjahr aber auch in den anderen Monaten können Beeren geerntet werden – nur eben sehr viel weniger.

Die Extrativistas leben schon seit vielen Generationen in der Region und sind auf den Erhalt der Vegetation angewiesen, denn die Açaípalme wächst nicht in der prallen Sonne sondern muss durch höhere Nachbarbäume teilweise beschattet werden um sich optimal zu entwickeln. Organisiert sind die Extrativistas im Conselho Nacional das Populações Extrativistas (CNS). Es ist auch diese Organisation die nicht müde wird zu betonen, dass in vielen Fällen der Wald nur noch steht weil in der Region Menschen leben, die die Vegetation schützen, weil sie darauf angewiesen sind. In den letzten 20 Jahren wurden zahlreiche, wenn auch nicht ausreichend viele Reservas Extrativistas ausgewiesen in denen selbst entwickelte Regeln zur Landnutzung gelten. Diese Schutzgebiete sollen die Extrativistas vor den Holzfällern, Goldsuchern und fazendeiros schützen die den Wald bedrohen. Für Menschen die es nicht gelernt haben mit dem Wald zu leben sind die Bäume vor allem im Weg. Sie brauchen Platz für Viehweiden oder Ackerflächen, denn so haben sie Landwirtschaft gelernt – so können Sie dem Staat zeigen, dass sie das Land bewirtschaften – im scheinbaren Gegensatz zu den Extrativistas.
Aber auch die Extrativistas mußten lernen mit ihrer Umgebung im Einklang zu leben ohne sie auszubeuten. Bis vor wenigen Jahrzehnten haben auch sie Holz geschlagen und verkauft, Holzkohle produziert und Açaípalme abgeholzt um Palmherzen zu verkaufen.

Bei der Ernte klettern die Extrativistas die Palme hoch und schneiden den Ast mit den Beeren ab.

In Europa kennen vielleicht einige das Açaí-Eis, dass auch einige vielleicht aus ihrem Brasilien-Urlaub kennen. Hier am Amazonas wird der Açaí frisch gegessen ohne Zusatz von Zucker. Zu jedem Mittag- bzw. Abendessen wird eine Schüssel Açaí gereicht. Viele Gemeinden ernähren sich in großen Teilen von Açaí und Fisch oder Wild. Oftmals gibt es keine weiteren Beilagen. Der Hype um das “Superfood Açaí” schafft einen internationalen Markt der die Nachfrage ankurbelt und die Preise für die Açaíbeeren belebt. Eine Herausforderung für die Extrativistas-Gemeinden ist allerdings die Weiterverarbeitung bzw. Vermarktung. Die geernteten Açaíbeeren müssen max. 48 Stunden nach der Ernte verarbeitet werden und anschließend das gepreßte Fruchtfleisch eingefroren werden damit es nicht sauer wird. Die Logistik spielt dabei eine Schlüsselrolle weil in kurzer Zeit eine große Menge Açaí gesammelt und transportiert werden muss. In der Regel kommen die Açaíhändler mit größeren Booten an die Flußmündungen der Nebenflüsse und warten auf die Açaíproduzenten die ihnen ihre Produktion bringen. Auf dem Schiff werden bereits große Mengen Eis bereitgehalten um die Ernte sofort runter zu kühlen noch bevor es weiter zur Fabrik geht. Ein kapitalintensives Geschäft das die Extrativistas bisher nicht selbst durchführen können. Allerdings schließen sich die Açaí-Produzenten zur Kooperativen zusammen um einen besseren Preis für ihre Ernte zu verhandeln.
Allerdings macht auch der Klimawandel nicht vor den Açaípalmen halt. Die Termperaturen sind in den letzten Jahren stark angestiegen was die Produktionsmengen dramatisch reduziert hat. Manche sprechen von einem Einbruch der Produktion auf weniger als die Hälfte.

In einer Gemeinschaftskation (mutirão) werden Körbe für die Ernte geflochten.

Die verantwortungsvolle Nutzung der natürlichen Ressourcen innerhalb der Reservas Extrativistas sind ein viel besserer Schutz als auf dem Papier ausgwiesene Naturschutzgebiete die von den staatlichen Behörden kaum überwacht werden (können). Wenn der Wald von Menschen genutzt wird gibt es auch Menschen die sich für den Erhalt des Waldes einsetzen!

Um auf das Lied vom Anfang des Posts zurück zu kommen: Der Açaí macht es möglich das die Kindern der Extrativistas eine Ausbildung genießen können weil finanzielle Ressourcen zur Verfügung stehen und gleichzeitig der Wald geschützt wird. Dies ist natürlich nur möglich, wenn die aktuelle Brasilianische Regierung die Errungenschaften ihrer Vorgänger nicht völlig zunichte macht.

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