[19/08/07] Semiarido Brasileiro

Seit unserer Ankunft am Sonntag sind wir praktisch entweder unterwegs oder wir schlafen. Die Distanzen hier in Bahia sind für deutsche Verhältnisse riesig aber das IRPAA hat unsere Tage hier perfekt geplant. Auf den längeren Fahrten zu unseren Reisezielen unterhalten wir uns mit den Mitarbeiter des IRPAA die uns in einem Jeep chauffieren über die politische Situation in Brasilien, über die die regionalen Besonderheiten und auch über das eine oder andere persönliche Detail.

Am Montag ging es für uns in Richtung Westen nach Sobradinho. Eine recht kleine Gemeinde deren Geschichte sehr stark durch den gleichnamigen Staudamm geprägt ist. Eigentlich wollten wir den Staudamm Vormittags besuchen und dann am Nachmittag in der „Escola Familia Agricola de Sobradinho” (EFAS) vorbeischauen. Allerdings war der Präsident Brasiliens am Vormittag am Staudamm um eine Solaranlage einzuweihen die schon vor seiner Amtszeit fertiggestellt wurde. Zu unserem Glück interessieren ihn nachhaltige Projekte nicht wirklich – er hat nur schnell ein Foto gemacht und ist weitergezogen. Dieser Staudamm der das Wasser über 320 km aufstaut ist für die Region sehr sehr wichtig. Ursprünglich gebaut um die Wasserversorgung der weiter unten liegenden Wasserkraftwerke sicher zu stellen dient der See heute selbst als Stromlieferant und Wasserversorgung für die ganze Region. Allerdings wurden hunderte Gemeinden, die ursprünglich am Flußufer des Rio São Francisco lebten, vertrieben und müssen nun auf unfruchtbaren Böden, meist ohne Wasserversorgung und ohne Strom ihr Auskommen erwirtschaften. Das Wasser wird fast ausschließlich an die großen Agroindustriebetriebe in der Region verteilt. Durch die intensive Landwirtschaft dieser Großbetriebe versalzen die Böden und die traditionelle Form der Landwirtschaft und Viehzucht – Fundo e fecho de Pasto – wird durch das einzäunen riesiger Flächen unmöglich gemacht.

Der Stausee Sobradinho …

Diese traditionelle Lebensweise wird in der „Escola Familia Agricola de Sobradinho” (EFAS) gelehrt. Dort lernen 200 Jugendliche im 14-tägig wechselnden Turnus die “Convivência com o Semiárido” im Rahmen der Pedagogia da Alternância. Die Kinder reisen teilweise mehrere hundert Kilometer um in die Schule zu kommen und haben dort von früh morgens bis 21 Uhr Unterricht. Sie lernen aber nicht nur die regulären Lerninhalte sondern bekommen auch eine Ausbildung im landwirtschaftlichen Bereich der dem dörflichen Kontext entspricht aus dem sie kommen. In der Schule werden Techniken unterrichtet die eine, an die klimatischen Bedingungen angepaßte Lebensweise ermöglichen.

Die riesigen Bewässerungsprojekte der Technikraten versprachen das grüne Paradies inmitten der halbtrockenen Region im Nordosten Brasiliens. Der Anspruch der Regierungsprogramme war es die Trockenheit zu bekämpfen. Die klimatischen Bedingungen aber lassen sich nicht bekämpfen. Selbst der mächtige Rio São Francisco kann nicht genügend Wasser für alle, überall und jederzeit bereitstellen. Das Wasser, das über riesige Pumpstationen über mehr als 40 km verteilt wird, steht nur wenigen zur Verfügung und natürlich auch nur denjenigen die dafür bezahlen können. Ein weiteres Beispiel für den Spruch von Bischof José Rodrigues: “Im Nordosten mangelt es nicht an Wasser – woran es mangelt ist Gerechtigkeit!”

Kontextualisierte Bildung im Rahmen der “Pedagogia da Alternância”.

Einer der für die Gerechtigkeit und gegen den Coronelismus und die Sklaverei predigte war Antônio Conselheiro. Geboren im Bundesstaat Ceará predigte er in großen Teilen des Nordostens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegen die zentrale Steuererhebung und die Unterdrückung durch die lokalen Eliten. Obwohl die Sklaverei 1888 offiziell von Prinzessin Isabel abgeschafft wurde hatten viele ehemalige Sklaven keine Alternative und arbeiteten weiterhin für Unterkunft und Brot auf den Plantagen der Großgrundbesitzer. Der Freiheit predigende Conselheiro war deshalb ein Dorn im Auge der Eliten weil ihnen die Arbeitskräfte davonliefen. Er und seine Anhänger*innen wurde deshalb mit tausenden Soldaten bekämpft, die in vier Militärexpeditionen dem libertären Gesellschaftsexperiment im Krieg um Canudos ein brutales Ende setzten. Als die Siedlung 1896 von der vierten Militärexpedition umzingelt und vernichtet wurde war sie mit ca. 15 000 – 20 000 Einwohner*innen die zweitgrößte Stadt des Bundesstaates Bahia. Seit 1986 gibt es in der Nähe des historischen Canudos einen Nationalpark der an die Geschichte des Ortes erinnert. Dort wo sich vor mehr als 100 Jahren die Anhänger*innen von Antonio Conselheiro niederließen ist mittlerweile ein Stausee, der die Überreste des “zweiten Canudos” bedeckt. Das “erste Canudos” wurde von der 4. Militärexpedition dem Erdboden gleichgemacht. Einige wenige Überlebenden bauten die Siedlung wieder auf, wurden dann aber durch das angestaute Wasser vertrieben. Das heutige Canudos befindet sich einige Kilometer entfernt – direkt an der Staumauer.

Mein Versuch die 4. Militärexpedion abzuwehren!

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