[19/08/04] Juazeiro

Nach einer Nacht im tiefgekühlten Reisebus (wir hatten vorsorglich unsere Schlafsäcke dabei) kamen wir um 06:30 Uhr in Petrolina an. Unser Gastgeber Haraldo erwartete uns bereits. Kurz ins Hotel, Gepäck ablegen, Frühstücken und los ging es zum Schulungszentrum “Centro de Formação Dom José Rodrigues“.

Dort erwarteten uns bereits vier weitere Mitarbeiter von IRPAA die uns ihre Arbeitsbereiche, Landwirtschaft und Tierhaltung, Anpassung an den Klimawandel und Wassermanagement, Landrechte sowie Bildung & Kommunikation vorstellten. Das allumspannende Thema für IRPAA ist die “Convivência com o Semiárido”.

Der Semiarido ist eine klimatisch definierte Region im Nordosten Brasiliens die sich über eine Fläche erstreckt die ungefähr so groß ist wie Deutschland, Frankreich und England gemeinsam.

In Brasilien gibt es sehr viele Vorurteile gegenüber dieser Region die ie Aktivist*innen und MItarbeiter von IRPAA bekämpfen. Sowohl in den Medien als auch in Liedern und Büchern wird der Sertão immer als eine Region beschrieben die von der Trockenheit heimgesucht wird und in der das Leben kaum Möglich ist. Die Hymne des Forró (Asa Branca) besingt eben diese Trockenheit die die Leute zwingt das Land zu verlassen und die Sehnsucht, die die Migrant*innen im fernen São Paulo spüren. Sie warten nur auf den Regen um endlich in ihren Sertão zurückkehren zu können. Ein immer wiederkehrendes Thema in zahlreichen Forró Liedern vor allem aus den 1950ern und 1960er Jahren Wie der Gründer des Instituts Bischof José Rodrigues aber immer wieder betonte mangelt es in dieser Region nicht an Wasser – woran es mangelt ist Gerechtigkeit!

In der Caatinga treten in periodischen Zeiträumen lange und intensive Dürreperioden auf (etwa alle 26 Jahre). In der Zeit von 1979 – 1983 starben dabei bis zu 1 Million Menschen aufgrund der durch Wassermangel und verschmutztes Wasser hervorgerufenen Krankheiten.

Website IRPAA

In der letzten Trockenperiode die 2016 endete starb hingegen kaum jemand. Mit eine Konsequenz aus der Arbeit von IRPAA und anderen Organisationen die sich im Netzwerk Articulação Semiárido Brasileiro (ASA) zusammengeschlossen haben und gemeinsam eine angepaßte Lebensweise in dieser Region fördern.

Die Besiedlung und Eroberung des Sertão durch die Kolonialmacht Portugal zeichnete sich durch den Versuch aus die Rinderhaltung und intensive Landwirtschaft einzuführen. Die unzureichenden bzw. unregelmäßig auftretenden Niederschläge erschweren allerdings eine Landwirtschaft mit einjährigen Pflanzen weil der Niederschlag oftmals nicht dann kommt wenn gesäht wurde oder nicht stark genug ist um die Kulturen wirklich abreifen zu lassen. Auch die Rinder haben einen enorm hohen Wasserbedarf und kompaktieren mit ihrem großen Gewicht die Erde. Die Kolonialherren versuchten mit riesigen Bewässerungsprojekten die Dürre zu bekämpfen – ein hoffnungsloser Ansatz wenn die Ernährung der Bevölkerung und nicht die Produktion von einigen wenigen “Cash-Crops” das Ziel der Bemühungen ist.

Bei der an das Klima angepaßten Lebensweise werden Ziege und Schafe gehalten, die die natürlich vorkommenden Pflanzen in der Catinga viel besser nutzen können und durch ihr geringes Gewicht den Boden und die Vegetation schonen. Rund um das Haus gibt es einen kleinen Gemüse- und Obstgärten, die ausreichend Vitamine für den Familienbedarf produzieren. Außerdem werden wilde Früchte, Pflanzen und Samen gesammelt. Um die ausgedehnten Trockenperioden zu überstehen wurden in den vergangenen Jahrzehnten mehr als 1 Million Zisternen in der Region errichtet. Mit entsprechenden Wasserfiltern aus Sand und Pflanzenkohle wird hier das Regenwasser zu Trinkwasser. Bei entsprechender Kapazität und vor allem einem überlegten Wassereinsatz reichen diese Zisternen aus um die Trockenperiode zu überstehen. Eine große Herausforderung ist noch die Nutzung der Abwässer zum Bewässern der Obst und Gemüsegärten vor Ort. Hier werden verschiedene Systeme erprobt um so wenig kostbares Wasser wie möglich zu verschwenden.

Nach einem langen Tag genossen wir Abends noch den Sonnenuntergang mit einer Kokosnuß und einem Caipirinha am sagenumwobenen Rio São Francisco um den Tag ausklingen zu lassen.

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